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#stormporn
Als Ende August der Tropensturm Irene an der Ostküste Amerikas erwartet wurde, war das Interesse von Millionen betroffener Menschen riesig. Die Angst vor einer neuen Katrina war gross. Auf Schritt und Tritt konnte man ihren Verlauf auf praktisch jedem TV-Sender und am Internet rund um die Uhr live mitverfolgen.
Besonders aktiv waren dabei die klassischen Medien. Trotzt Syrien- und Libyen-Krise wurde um den Tropensturm ein richtiger Hype aufbauscht. Kaum ein Sender, der seine Reporter nicht in Gummistiefel steckte und in irgendeine überflutete Strasse stellte. Alle Register wurden gezogen.
Blogger @jeffjarvis nannte es #stormporn. Eine neue Form der Aufgeilung der Medien an Naturkatastrophen. Er sagte dazu, dass dieses ständige Wiederholen von immergleichen Floskeln und immergleichen Bildern und diese Panikmacherei ohne Informationsgehalt niemandem dienen würde. Am wenigsten den Bürgern. Selbstverständlich sei ein Sturm eine ernste Sache, aber die Coverage erinnere mehr an „Der Junge, der Wolf schrie“ als an seriösen Journalismus.
Als Gegenpol dazu konnte man den Austausch in den Social Media beobachten. Auch hier wurde getwittert, was das Zeug hielt. Auch hier wurden die Vorbereitungen, die Ankunft, die Durchreise und die Verwüstungen als Foto oder Video fleissig gepostet und geshared (entstanden sind dabei zum Teil spektakuläre Bilder, http://bit.ly/qtGVB0 ist eins meiner Lieblinge). Aber irgendwie war es hier anders. Ehrlicher. Direkter.
Gigaom.com ging sogar so weit zu behaupten, dass Twitter an Stelle von TV als Werkzeug für Information und Hysterie getreten ist. Wobei dies natürlich einige Fragen aufwirft. Als gut empfinde ich zum Beispiel, dass sich die Betroffenen selbst mit Posts integrieren und austauschen konnten. So konnten sich Leute aus der gleichen Gegend online helfen und beraten. Suboptimal ist, dass Posts oft ohne Kontrolle weitergeshared werden und sich Unwahrheiten sehr schnell verbreiten können (wobei hier festzuhalten ist, dass die Schwarmintelligenz und eine durchdachte Informationspolitik der Behörden in diesem Fall Wunder wirken).
Besonders gefallen hat mir in diesem Zusammenhang der offizielle Twitter Account vom NYC-Bürgermeister Bloomberg, der laufend wichtige Informationen zu Irene bekannt gab. Zeiten, an welchen der Sturm in New York erwartet wurde und mit wie vielen Meilen pro Stunde er dann unterwegs sein würde, wurden gepostet. Das @NYCMayorsOffice kündigte auch an, welche Brücken gesperrt wurden, dass die Staten Island Ferry nicht mehr fuhr und dass Schulen und Altersheime geschlossen wurden. Gleichzeitig gab es auch Ratschläge, dass man Nahrungsmittel auf Vorrat kaufen sollte und erstellte eine Liste von Orten, die Obdach für die Evakuierten boten.
Genau das ist die Macht und die Einzigartigkeit der Social Media gegenüber den traditionellen Medien: Die unvermittelte, ehrliche, direkte Berichterstattung, welche Behörden, Bürger, Augenzeugen, Datenerhebern und -nutzern, die Möglichkeit bietet, ohne „Zwischenhändler“ direkt zu kommunizieren.
Die Frage, die Jeff Jarvis stellte „So the question the journalists should ask is how they can add value to that“, ist in Zeiten der Demokratisierung der Information berechtigter denn je. Nicht nur in Krisensituationen sondern auch im Alltag.

(Diese Kolumne wurde in der www.werbewoche.ch publiziert)


